Songs of the Doomed (VIII)

Sometimes I… feel…

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Schneeflocke

In dem selben Maße, in dem mehr und mehr Internet hinter “Pay Walls” verschwand, wuchs der Anteil an dubioser und tendenziöser Quellen innerhalb meines täglichen Lektürezirkels. Um dir eine Vorstellung zu geben: Ich stehe in der Regel um 8 Uhr morgens auf und gehe gegen 1 Uhr schlafen. Macht 17 Stunden pro Tag, an fünf Tagen pro Woche, in denen ich mich mit dem connecte, was wir in der Branche den “Twenty Four Hour News Cycle” nennen.

Verdammte Anglizismen, ich weiß. Aber Sprache ist nun einmal eine natürliche Entwicklung, und wie überall in der Natur gilt: Die Schwachen werden rar. Ein Gedanke auf Englisch, pardon, English, verbrennt nur ein Bruchteil der Kalorien, den sein Äquivalent auf Deutsch verbraucht hätte. Was glaubt ihr, wieso die Franzosen so auf Nahrung fixiert sind – die Verwendung ihre Sprache (und mehr noch, die Dechiffrierung ihrer Intonation) verbrennt mehr Kilojoule als ein Diätwochenende mit deinem Lieblingsdealer.

Jedenfalls, lasst uns – in welcher Sprache auch immer – über den Elefanten im Raum sprechen, beziehungsweise die Snowflake im Safespace. Den Millenial im Gentrifizierungsviertel. Den SJW im WSJ.
Als gebürtiger Schnee missfällt mir die zunehmende Umdeutung meines Einsilben-Nachnamens zum politischen Hetzwort… sehr. “Schneeflocke”, so wissen Leser von Achgut, Zerohedge und Zeit.de, steht heute für einen diffusen Charakter-Archetyp von modernem Menschen, der…

Ja was eigentlich?

[lässt die Finger knacken, starrt mehrere Minuten an die Wand über dem WG-Fernseher, wo ein schreckliches “West Berlin”-Graffiti mit einer schiefen Jägermeister-Flagge überhängt wurde, und sinniert über eine passende Ein-Satz-Definition]

…der eine aus Sicht eines Nihilisten mit der Realität vollkommen inkompatible Weltsicht propagiert, welche auf kooperatives, versöhnliches, politisch korrektes, flauschiges und in möglichst vieler Hinsicht moralisch unangreifbares Handeln abzielt.
Elende Schneeflocke! Wie kann sie es wagen!

Ein typischer Schneeflocken-Artikel dreht sich meist um irgendeine Universität in den Vereinigten Staaten, in der Studenten irgendeiner obskuren, wirtschaftlich unrentablen Disziplin gegen irgendeine vermeintliche oder offenkundige Ungerechtigkeit vorgehen, oft mit den Mitteln der Aufklärung: Dem Keyboard. Schneeflocken protestieren gegen Sexismus, Faschismus, Rassismus, Spezismus, Carnivorismus, gegen Homophobie und das Patriarchat, gegen Trump, gegen Öl-Pipelines, gegen Heteronormativität.

Die Wikipedia hat sogar einen recht unterhaltsamen Artikel darüber. Zitat:

Snowflake (slang)

Such terminology refers to a person who believes their status as a unique individual means they are destined for great success and/or that they deserve a special career with abundant praise and admiration.[5] According to Merriam-Webster, in the 2000s, snowflake referred „mostly to millennials who were allegedly too convinced of their own status as special and unique people to be able (or bothered) to handle the normal trials and travails of regular adult life“.[2]

Hoffentlich erinnern wir uns auch alle, wer den Ausdruck am Ende der finsteren 90er geprägt hatte: Tyler Durden, literarische Figur meines Autoren-Papst Chuck Palahniuk, definierte sein gesamtes Weltbild anhand der Schneeflocken-Metapher: “Du bist keine wunderschöne, einzigartige Schneeflocke.“ Sondern: „Wir sind der singende, tanzende Abschaum der Welt.”

Ich habe bereits in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass nahezu ein Drittel der Story darauf verwendet wird, Tyler Durden aufzuhalten – während uns als fasziniertem Publikum die Antwort auf die Frage verwehrt wird, warum eigentlich. Ein guter Autor überlässt immer den alchemistischen Anteil seiner Tätigkeit der Fantasie seines Publikums.

Die Frage ist dann nur: Wenn du dich einzig danach definierst, nicht etwas sein zu wollen, was “schön” und “einzigartig” ist, zu was macht dich das dann?

Häßlich und gewöhnlich, schätze ich.

Henrie Schnee

Pornolution

Anleitung für eine Revolution in Deutschland. Versende wahllos echt aussehende Abmahnungen für das illegale Ansehen und Downloaden von Pornos. Mahne wirre Dateinamen ab, wie „DSC_001331.jpg“ und „bj9888.mp4“. Kreiere eine perfekte Paranoia, ein Beben im Freemium-Paradies.

Jahrelang konnte man uns alles wegnehmen, solange die Option bestand: Egal wie pleite, erfolglos und einsam du bist, Videospiele und Pornos gab es zur Not auch für lau.

Nimm dem Mob das letzte Ventil.

Lass das unterdrückte Testosteron eines verlorenen Jahrzehnts zurückkehren.